Jule Fahrenkrog-Petersen

Doppelbelichtungen

Fotoserie | Auswahl | teilw. mit Jonathan Silbermann

Digitale Fotografie erlebt eine omnipotente Sättigung. Was früher Menschen mit fotografischer Leidenschaft oder fotografischem Talent vorbehalten war, macht heute jedermann. Es ist der Punkt gekommen, wo die Funktion optional geworden ist.

Doch die digitale Kamera kann viele Sachen nicht. Abgesehen von der Qualität der Fotos, die den Vergleich zu analogen Fotos nicht standhält, kann ich mit analogen Fototechniken in einer Weise experimentieren, die das digitale Fotografieren nicht vermag. Experimentieren mit digitaler Fototechnik lässt sich am Computer machen. Die Ergebnisse sind phänomenal.

Jedoch im Vergleich zur analogen Fotografie bzw. Entwicklung fehlt ein essentieller Schritt: nämlich der haptische Vorgang. Das Einlegen des Films, der Geruch der Chemie auf dem Film, die Kosten, die einen zwingen, genau auf das Motiv und die Einstellungen der Kamera zu achten. Die Filmentwicklung im dunklen Raum, die Spannung, ob der Film brauchbar fotografiert und entwickelt ist und schliesslich die Entwicklung der Fotos mit Entwicklungsbad und Fixierer auf echtem Fotopapier. Kurz: die Magie.

Experimentieren heisst aber noch viel mehr: es lässt sich mit der Chemie experimentieren, mit dem Papier, mit den Negativen und mit dem Film (siehe weitere Unterpunkte/Fotografie). Doppelbelichtung heisst ich nehme einen leeren Film und fotografiere ihn durch. Dann spule ich ihn zurück und fotografiere noch einmal drüber. Sicher, einige technische Tricks gibt es, damit die Bilder durch das doppelte Licht nicht gänzlich dunkel werden.

Der Reiz ist vor allem die Ästhetik des Zufalls. Oder, unbarmherziger, Zufall versus Langeweile. Mit dem Zufall wird die strukturgebundene, intentionsgeleitete und letztlich immer absichtsvoll durchgestaltete ästhetische Konstruktion neu geformt. Gerade das Experiment als solches verlangt nach dem Einlassen auf das Spontane und Unorganisierte, nach der Überantwortung von Teilen der künstlerischen Leistung an ein intuitives Leiten, um im Rahmen des Versuchs neue Möglichkeitsräume zu erkunden. Dabei nimmt aber auch der künstlerische Diskurs immer wieder auf die vorgängige Realität Bezug, wobei es zu einer Verhandlung, Kritisierung oder Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten des menschlichen Wahrnehmungsgefüges kommt, in dem die Prinzipien von Zufall und Langeweile immer wieder als Bewusstwerdungs- oder Störfaktor auf verschiedene Weise zur Hinterfragung der Routinen der Alltagswirklichkeit genutzt werden.

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