Jule Fahrenkrog-Petersen

Museumsseelsorge | Gestalter im Museum | Zitatenschatz | 2000

Gemeinschaftsprojekt | Neues Museum Weimar

Text zur Performance | Katalogbeitrag

Wischnack/Der Plan

Dunkel gekleidet bewege ich mich gemessenen Schrittes zwischen den Besuchern. Ich wende mich einer Person zu und spreche sie an: "Darf ich Ihnen ein Zitat mit auf den Weg geben?" Gezielt wähle ich eine Sentenz aus, lese sie eindringlich vor, umfasse mein Gegenüber mit warmen Blick, stecke das Karteikärtchen in den kleinen rosa Kasten zurück, klappe ihn zu, drehe mich auf dem Absatz herum und gehe weiter zum nächsten Opfer.
Eine strenge Aktion.
Mit deutlicher Choreografie.

Ich spiele meine Rolle wie geplant, aber zunächst treffe ich auf Bekannte, Mitarbeiter, Freunde, die mich begrüssen und die ich demzufolge etwas anders ansprechen muss als anonyme Besucher. Ich ertappe mich dabei, dass ich versuche, den ironisch-spielerischen Ansatz zu unterstreichen (vielleicht weil mir die Situation etwas peinlich ist?). Um Zeit zu gewinnen, krame ich umständlich in dem nahezu unerschö Fundus und biete mehrere Zitate an, lasse wählen zwischen allgemeinen Lebensweisheiten, kunstwissenschaftlichen Erkenntnissen und Äusserungen prominenter Künstler. In hartnäckigen Fällen empfehle ich das "Kleine Trainingsprogramm zum Umgang mit moderner Kunst".

Der pastorale Tonfall gelingt mir ganz gut. Ich werde zunehmend freier und agiere mit Lust. Fast immer entwickelt sich ein kleines Gespräch. Offensichtlich besteht ein ausgeprägtes Kommunikationsbedürfnis, das ich bereitwillig befriedige. Erst dann sortiere ich die maschinegeschriebe Karteikarte in das rosa Kästchen ein und gehe weiter. Auch die geplante Choreografie des angemessenen Schreitens scheitert - zunächst an den Besuchermassen, später an der eigenen Erschöpfung ...

Resonanz Etwas irre, die mit dem rosa Karteikästchen. Ob die sich nicht selber komisch vorkommt mit ihren Sprüchen? Keine Ahnung, was ich damit anfangen soll. Museumsseelsorge - das habe ich mir anders vorgestellt! Will die mich auf den Arm nehmen? Ich wollte wirklich lernen, wie man mit moderner kunst umgeht. Hatte gehofft, endlich mal zu verstehen, was das zu bedeuten hat. Aber keine Information. Nichts. nur sinnloses Zeug. Verarschen kann ich mich allein. Ich gehe jetzt. Was die sich so alles ausdenken! Ganz lustig find ich das. Macht Spass und regt doch zu Nachdenken an. So hab ich das noch nie gesehen. Hoffentlich war das nicht das letzte Mal!

Eigenes Resümee Irritation. Sichtliches Vergnügen. Seltener Verürgerung. Der Balanceakt an der Grenze der Lächerlichkeit. Das ernsthafte Bemühen. Leute, die mit einem Lücheln weitergehen. Ermutigt, zweifelnd, angeregt ... Ein wenig von der Leichtigkeit des Seins.

impressum