Jule Fahrenkrog-Petersen

Arbeit an der Utopie | 1999

Installation | Ausstellung Galerie "neudeli" Weimar | mit Bianca Thies

Die Installation Arbeit an der Utopie setzt sich mit dem Problem der Materialisierung einer Idee auseinander. Die Installation besteht aus einer Bildfolge, die die Rückeroberung eines Fabrikgebäudes durch die Natur zeigt., sowie aus einem tragbaren CD-Spieler von dem ein Text abrufbar ist, welcher auf die Zusammenhänge zwischen Kunst und Utopie eingeht.

Utopie kann nie Material sein. Man kann nur durch visuelles und sprachliches Material auf Utopien verweisen, sich in Sprache und Bild Utopien nähern. Es werden beide Annäherungsformen in unterschiedlichen Medien für unterschiedliche Wahrnehmungsprozesse präsentiert - Hören und Sehen.

Der gesprochene Text ist bewusst abstrakt gehalten, vom Dinglichen gelöst. Die Fotomontagen entwickeln ihre Aussage mit den Mitteln der Bildsprache im zeichenhaften Umgang mit den Bestandteilen der sichtbaren Welt. Das Zusammenspiel der Ebenen wird durch die Installation erfahrbar. Der Arbeitsprozess taucht im Motiv der Zeitlichkeit sowohl in der Bilderfolge als auch in der Linearität des Textes auf. Weder auf sprachlicher noch auf der visuellen Ebene findet der Hörer und Betrachter jedoch die Utopie. Sie bleibt dazwischen am Un-Ort.

Textversion des Tonträgers

Text: Bianca Thies | Gesprochen: Michael Palauch

An grosssen Projekten herrscht kein Mangel. Überall, wo die Gesellschaft ein Problem hat, welches sie nicht bewältigen kann, entsteht ein Ruf nach Kunst. Nach Kunst, die doch, wenn schon keine politische Lösung möglich ist, eine künstlerische Bearbeitung der Situation leisten soll. Kunst ist kein Argument, um Geld zu bekommen, mit dem man die Situation real verbessern könnte.

Was bewegt dazu, zu glauben, dass die gesellschaftlichen Probleme von Künstlern bearbeitet werden können? Vielleicht ist es die Hoffnung, eine Idee zu bekommen, die aus dem alltäglichen Umgang nicht entwickelt werden kann. Vielleicht braucht man aber auch nur die Arbeit der Künstler, um das im Augenblick nicht lösbare Problem im gesellschaftlichen Bewusstsein zu behalten und um so Zeit zu gewinnen - eventuell soviel Zeit, dass eine reale Lösung möglich wird.

Die Kunst kann die Aufbewahrungsfunktion übernehmen, weil sie Öffentlichkeit einfordert. Kunst bietet eine öffentliche Präsentationsform jenseits von Realität.

Der Inhalt der Kunst wirkt nicht in erster Linie in seinem Verhältnis zur Form. Deshalb kann Kunst auch Dinge thematisieren, die (noch oder generell) jenseits jeder Realität liegen. Die Kunst nimmt sich diese Freiheit, die im gesellschaftlichen Zusammenhang eine wichtige visionäre Funktion erfüllt. Eine künstlerische Aktion nimmt öffentlichen Raum ein, kann visionäre Inhalte in eine greifbare Form bringen, kann sie zum Teil der Realität werden lassen. Ihre Existenzberechtigung bezieht sie aus der Formlösung. Die Arbeit ist nicht deshalb verfehlt, weil sie Irreales zum Thema hat, sondern nur, wenn sie diesem Thema nicht die richtige Form gibt. Arbeit an der Vision ist Arbeit an der Form. Vielleicht ist auch Arbeit an der Form Arbeit an der Utopie.

Sicher ist, dass diese Arbeit an der Utopie bemüht sein muss, einen Kontakt zur Realität herzustellen. Die Öffentlichkeit, die Kunst braucht, ist die Chance, diesen Kontakt zur Realität zu knüpfen, weil es hier prinzipiell möglich ist, Utopisches zum Inhalt zu machen. Es ist nicht nur möglich, sondern Kunst ist der von der Gesellschaft eingezäunte Platz für freie Inhalte für gelungene Formen. Diesen Zaun kann man beklagen oder geniessen, in jedem Fall ist dieser eingefriedete Bereich der Ort, an dem Utopien repräsentiert werden können, eben weil sie im Bereich Kunst angesiedelt sind und ebenso begrenzt sind. Nicht umsonst sind die ersten bekannten Utopien literaschische.

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